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Um Leben oder Tod, es geht um mehr

Berliner Zeitung, Do, 5. Juni 2003
Text: Marin Majica
Bild: Michael Brexendorff

Der neu gegründete Verein Brot & Spiele inszeniert Fussball-Kultur „in clubbiger Atmosphäre” Das erste Heimspiel hat Brot & Spiele gewonnen. Für seine Gründungsfeier vergangene Woche im Stadtbad Oderberger Straße hatte der Verein für Fussballkultur auch ein respektables Programm aufgestellt. In der ersten Halbzeit stand die Übertragung des Champions-League-Finales AC Mailand gegen Juventus Turin an. Nach Verlängerung und Elfmeterschießen wurde aus Berlin den Mailändern und Paolo Maldini applaudiert, der genau 40 Jahre nach seinem Vater Cesare den Europapokal in den Händen hielt. In der zweiten Hälfte des Abends führten DJ's, ein Kabarettistin und ein Chor ihr Können vor. Und im leeren Pool wurde gekickt – eine rundum unterhaltsame Partie.

Ballkultur und Geschichte

„Wichtig iss aufm Platz”, ist eine der Grundweisheiten des Spiels Elf gegen Elf. Aber Fussball ist weit mehr als das Geschehen auf dem Rasen, lautet der Grundgedanke von Brot & Spiele. Fussball ist Kultur, sagt Vereinsvorstand und Kulturwissenschaftler Stefan Krankenhagen. Damit meinte er etwa die Sprache der Fans, „die in der endlosen Aufzählung der historischen Spiele, Tore, Fehlentscheidungen die eigene Geschichte konstituiert und fortwährend neu schreibt.”

Deshalb haben die Macher von Brot & Spiele ihrer Selbstdarstellung auch den Satz von Fussball-Legende Bill Shankly vorangestellt, dem Trainer des FC Liverpool 1959-74: „Manche sagen, Fussball sei eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Es ist weitaus ernster.”

Die Zeiten, in denen seriöse Intellektualität und Fussballbegeisterte sich ausschlossen, sind vorbei, betont Brot-&-Spiele-Gründungsmitglied Philipp Köster. „Seit der WM 1990 ist Fussball bei einem breiten Publikum konsensfähig”, sagt Köster, Chefredakteur von 11 Freunde, einem 2000 gegründeten Berliner Magazin für Fussballkultur. „Inzwischen ist es fast ehrenrührig, nichts über Fussball zu wissen”. Die Aufregung um das Spiel werde noch zunehmen, prognostiziert Köster, je näher die WM 2006 rückt.

 

Pose oder Passion? Das ist nicht immer leicht zu beantworten. Gerhard Schröder kokettiert gerne mit seiner Fussballleidenschaft, Kurt Beck und Edmund Stoiber kommentierten das DFB-Pokalfinale. Mit der Bar Magnet Mitte, deren Macher von einer Freizeitmannschaft zu Adidas-gesponsorten Szenestars aufstiegen, fand die Lust am Kick auch den Weg in die Berliner Clubkultur.

In der versuchte auch Oskar Krzykowski heimisch zu werden. Der 38 Jahre alte Anwalt, Tennislehrer und Drehbuchautor eröffnete mit Freunden die Bar „Brot & Spiele” in der Pappelallee. Die war aber nur bei großen Spielen und während der WM 2002 rappelvoll und musste schließlich schließen. An die Idee von Fussballkultur „in clubbiger Atmosphäre” glaubt Krzykowski, einer der beiden Vorsitzenden von Brot & Spiele, aber weiterhin: „Uns geht es um die Inhalte und darum, eine Netzwerkfunktion zu haben.” Mit dem Verein wolle er und die anderen Partys feiern, Indoor-Turniere an ungewöhnlichen Orten organisieren, Fussball-Bücher herausgeben oder einfach nur in großer Runde Fussball gucken.

Aber was sagt einer wie Krzykowski eigentlich, wenn ihm jemand mit dem Satz kommt, Fussball sei doch nur ein Spiel? „Wenn das eine Frau sagt”, antwortet Krzykowski nach einer Denkpause, „dann hole ich weit aus – das Spiel des Lebens, das beispielhafte Spiel, das archaische Spiel, Ventil für negative Energie...” Und wenn der Satz von einem Mann kommt? Diesmal brauchte er für die Antwort nicht so lange: „Dann lache ich”.