Brot & Spiele e.V. – eine Selbstdarstellung (von Philipp Köster)
Fussball ist Volkssport, ein wöchentliches Faszinosum für Millionen Menschen, die jedes Wochenende in die Stadien pilgern oder auf dem Sportplatz nebenan selbst gegen den Ball treten. Und wenn gerade wieder einmal eine WM ansteht, lässt sogar der Bundeskanzler kurzerhand die Kabinettsitzung sausen.
Und auch das lange gespannte Verhältnis zwischen Fussball und Kultur ist längst einem begeisterten Miteinander gewichen. Fussball ist eine gesellschaftliche Tatsache und zugleich ein faszinierendes Popphänomen, davon zeugen Ausstellungen, Hörspiele, Filme und eine stetig wachsende Fussballliteratur.
Fussballkultur fördern
Die Fussballkultur in Berlin zu fördern, hat sich auch der im April 2003 gegründete Verein „Brot und Spiele” zur Aufgabe gemacht. Er besteht aus einem guten Dutzend Mitgliedern, unter ihnen Kultur- und Sozialwissenschaftler, Sportjournalisten, Juristen, Gastronomen und Kulturarbeiter. Sie alle eint die Liebe zum Fussball, einige Mitglieder verfügen zudem über solide Grundlagen in der Ballannahme.
Die Ziele des Vereins sind vielfältig. „Wir wollen der Fussballkultur in Berlin neue Impulse verleihen”, sagt Birger Schmidt, Sprecher des Vereins. „Das können Ausstellungen und Lesungen sein, aber auch Fussballturniere und Fussballpartys”. Der gemeinsame Spaß steht dabei immer im Vordergrund. Partner für Institutionen und Privatleute
„Brot und Spiele” ist ein eingetragener Verein, Vereinstümelei wird dennoch gar nicht erst aufkommen. „Unsere Strukturen sind offen für Impulse von außen”, betont Schmidt. „Wir wollen Partner sein, sei es für öffentliche Institutionen und für Unternehmen, aber auch für jeden Fussballfan, der eine gute Idee hat, sie aber nicht alleine umsetzen möchte.”
Besonderen Augenmerk legt der Verein bereits heute auf die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land. Einen Monat lang wird die Fussballwelt zu Gast in Deutschland sein. „Nicht zuletzt möchten wir einen Teil dazu beitragen, dass sich Deutschland weltoffen und tolerant präsentiert”, sagt Schmidt.
Philipp Köster
FUSSBALL-KULTUR – Annäherung zweier Leidenschaften (von Stefan Krankenhagen)
Es war einmal eine Zeit, da mußten oder wollten sich Künstler und Literaten als Boxfans outen: Wolf Wondratschek, Werner Schneyder, Udo Lindenberg und viele andere. Der Kampf Mann gegen Mann weckte diese gewisse Gladiator-Archaik, die einen direkteren Zugang zu Weltwissen verspricht, als die distanzierte Analyse oder die subtile Beschreibung. Auch der junge Bertolt Brecht war von dieser Faszination für eine scheinbar niedere Sportart erfaßt: „Ein Mann soll immer das tun, wozu er Lust hat. Nach meiner Ansicht. Wissen Sie, Vorsicht ist die Mutter des k.o.”, schrieb er 1925 in seiner Geschichte Der Kinnhaken.
Kultur ? Fussball
Spätestens seit der Weltmeisterschaft in Asien 2002 ist klar, dass der Fussball die Position allseitiger Liebes- und Respektsbekundungen – auch und gerade von Seiten sogenannter Intellektueller – übernommen hat. Wurde man im akademischen Bereich vor einigen Jahren noch an einen Nebentisch gesetzt, sobald man sich wortstark für die Belange von etwa Kaiserslautern oder 1860 München einsetzte, so gehört man heute damit an der Universität oder auf einer Vernissage zur breiten Mehrheit.
Der Theaterkritiker Benjamin Henrichs zum Beispiel liebt es, Fussballglück und Theaterglück als wesensverwandt zu beschreiben – meistens und sehr fundiert mit Hilfe der Stücke des völlig fussballabstinenten Melancholie-Dramatikers Anton Tschechow. Der Soziologe Andrei Markovits stellt die Frage nach einem neuen Sonderweg Amerikas- obwohl der Begriff „American Exceptionalism” für die Absenz des Sozialismus in den Vereinigten Staaten reserviert ist – und hat mit seinem Buch „Im Abseits. Fussball in der amerikanischen Sportkultur” einen Insider-Hit gelandet. Und Corny Littmann, der Varieté-Betreiber von der Hamburger Reeperbahn, folgt dem Beispiel vieler Künstler aus der Premier League und ist Präsident eines Fussballvereins, des FC St. Pauli geworden.
Fussball ? Kultur
Umgekehrt funktioniert der Austausch zwischen Fussball und Kultur auf der Ebene der Berichterstattung. Günter Kochs Reportagen werden von zeitgenössischen Musikern zu avancierten Samples umfunktionalisiert, Marcel Reif bekommt den Grimme Preis für seine Kommentare während der Fussball-Weltmeisterschaft und Birgit Schönaus Artikel für die Sportseite der Süddeutschen Zeitung sind mindestens so literarisch wie journalistisch: kleine italienische Novellen um die Helden Totti, Baggio und Batistuta.
Es gibt unzählige Fussball-CDs, Hörspiele, sogar Theaterstücke; es gibt Fachliteratur, Fanliteratur, Fussballromane. Es gibt Ausstellungen, es wird ein Fussballmuseum geplant und sogar in die ansonsten eher sportscheu wirkende Clubkultur haben es die elf Freunde geschafft. Kaum ein Café oder Club in den großen Städten die während der WM keine entsprechende Party zu, nach und vor den Spielen angeboten hätten. Fussball hat den Sprung von „Schulles Eck” nach Berlin Mitte geschafft und es liegt nicht nur an Michael Ballack, dass dort auch immer mehr Frauen gesichtet werden. Das hat stattdessen mit der Produktion von Stars in einer durchmedialisierten Gesellschaft zu tun. Von einigen als unsägliche Beckmannisierung bedauert, hat sich der ursprüngliche Proletariersport (der noch ursprünglicher ein englischer Universitätssport war) eingereiht in die schöne bunte Popwelt unserer Gegenwart und nährt sich von deren Ergüssen. Und so ist es nur konse-quent, dass Oliver Kahns Affäre aus dem Münchner Nachtleben angeblich exakt so aussah wie die Pop-Porno-Ikone Christina Aguilera.
Fussballkultur
Nachdem sich Fussball und Hochkultur, respektive Wissenschaft also jahrzehntelang gemieden haben wie die Anhänger von Schalke und Dortmund, gibt es mittlerweile eine breitgefächerte gesellschaftliche Anteilnahme, eine theoretische Reflexion zu beobachten, die die Entwicklung des modernen Fussballs zu der hegemonialen Sportart der Welt intensiv begleitet. Fussball ist nicht mehr nur Sport, sondern ist Kultur geworden, da das Spiel – seine Institutionalisierung und Ausdifferenzierung – eine eigene, vor allem männliche Sprache entwickelt hat, die in der endlosen Aufzählung der historischen Spiele, Tore, Fehlentschei-dungen die eigene Geschichte konstituiert und fortwährend neu schreibt.
Brot & Spiele
Der Verein Brot & Spiele begreift sich als Teilhaber, Konsument und Produzent von Fussballkultur. Als Fan und Beobachter der Entwicklungen, die den Fussball in den letzten Jahren verändert haben, indem dessen kommerzielle, politische aber eben auch dessen kulturelle Potentiale massiv ausgebaut wurden.
Der Fussball zwischen Geschichte und Populärkultur: in diesem Feld sieht Brot & Spiele seine Aufgabe, Projekte zu veranstalten, Kultur zu initiieren, gemeinsam Spaß zu haben.
Stefan Krankenhagen
